Müde vom Sein - wie Wing Chun uns wieder ins Leben zurückholen kann

Wie regelmäßiges Wing-Chun-Training uns wieder mehr Lebensfreude und Fokus geben kann

Eine Person bei entspannten Wing Chun Übungen

Es gibt diese Abende, an denen man nach Hause kommt und eigentlich gar nichts Besonderes passiert ist. Kein schwerer Schicksalsschlag, keine außergewöhnliche Belastung, keine Katastrophe. Und trotzdem fühlt man sich vollkommen erschöpft.

Man setzt sich aufs Sofa, nimmt das Smartphone in die Hand und scrollt durch Nachrichten, Videos und Beiträge. Nicht wirklich, weil man sich dafür interessiert. Eher, weil selbst die Entscheidung, was man jetzt mit dem Abend anfangen könnte, schon wieder zu viel erscheint.

Schlaf hilft dann vielleicht gegen die körperliche Müdigkeit. Am nächsten Morgen steht man trotzdem mit dem Gefühl auf, dass alles wieder von vorne beginnt.

Arbeit, Verpflichtungen, Nachrichten, Termine, Erwartungen. Dazwischen der Anspruch, gesund zu leben, seine Beziehungen zu pflegen, sich weiterzuentwickeln und möglichst auch noch zufrieden dabei auszusehen.

Man ist müde. Aber womöglich nicht bloß müde im üblichen Sinn.

Wenn das eigene Leben anstrengend wird

In einem Artikel bin ich kürzlich auf den Ausdruck „Tired of Being“ gestoßen. Die Philosophin Marina Christodoulou beschreibt damit eine Form der Erschöpfung, die tiefer reicht als gewöhnliche Müdigkeit.

„Being tired“ bedeutet: Ich bin müde und brauche Schlaf, Ruhe oder eine Pause.

„Tired of being“ bedeutet sinngemäß: Ich bin müde davon, diese Person in diesem Leben und unter diesen Bedingungen sein zu müssen.

Es geht also um eine Müdigkeit am eigenen Dasein. Um das Gefühl, dass die Art, wie wir leben, arbeiten und uns selbst wahrnehmen, dauerhaft Kraft kostet. Ein Urlaub kann dann zwar guttun. Er verändert jedoch nicht automatisch das Leben, in das wir anschließend zurückkehren.

Ich halte diesen Gedanken für bemerkenswert, weil er etwas beschreibt, das ich auch außerhalb philosophischer Texte wahrnehme. Manchmal sogar bei Menschen, die zu mir in den Wing-Chun-Unterricht kommen.

Natürlich kann und möchte ich keinem Schüler eine psychische Diagnose stellen. Ich sehe aber, wie manche Menschen durch die Tür kommen: körperlich anwesend, gedanklich noch bei der Arbeit, beim nächsten Termin oder bei irgendeinem Problem, das sie den ganzen Tag begleitet hat.

Manche wirken erschöpft, obwohl sie körperlich durchaus leistungsfähig wären. Ihnen fehlt weniger die Kraft als der innere Antrieb. Als hätte der Alltag sie in so viele Richtungen gezogen, dass kaum noch etwas von ihnen selbst übrig ist.

Das Selbst als Dauerprojekt

Unsere Gesellschaft vermittelt uns ständig, dass wir an uns arbeiten müssen.

Wir sollen produktiver werden, gesünder essen, mehr Sport treiben, besser organisiert sein, souveräner kommunizieren und unsere freie Zeit sinnvoll nutzen. 

Sogar Erholung wird inzwischen optimiert. Die Uhr misst unseren Schlaf, die App unsere Schritte und der Ratgeber erklärt uns, wie wir die freie Stunde möglichst wirkungsvoll einsetzen.

Dadurch wird das eigene Leben zu einem Projekt, das niemals abgeschlossen ist.

Es gibt immer etwas, das wir verbessern könnten. Und über soziale Medien sehen wir gleichzeitig Menschen, die scheinbar schon weiter sind: erfolgreicher, sportlicher, disziplinierter, gelassener oder glücklicher.

Irgendwann erschöpft uns dann womöglich weniger das, was wir tun. Uns erschöpft die Vorstellung, dass wir ständig jemand Bestimmtes sein müssen.

Auch Wing Chun kann zunächst Teil dieses Denkens werden. Menschen kommen mit einem Ziel in den Unterricht. Sie möchten sich verteidigen können, fitter werden, selbstbewusster auftreten oder einen Ausgleich zum Beruf finden.

Daran ist nichts verkehrt. Fast jeder beginnt mit einer bestimmten Absicht.

Mit der Zeit kann jedoch etwas Interessantes geschehen: Das ursprüngliche Ziel rückt in den Hintergrund. Man kommt irgendwann zum Wing-Chun-Unterricht, um Wing Chun zu üben.

Und genau darin liegt aus meiner Sicht ein Teil seiner Wirkung.

Für eine Weile zählt nur dieser Moment

Im Wing Chun muss ich mich mit dem beschäftigen, was gerade vor mir geschieht.

Wie stehe ich? Wo befindet sich mein Schwerpunkt? Wie fühlt sich der Kontakt zu meinem Gegenüber an?

Diese Fragen lassen sich nicht nebenbei beantworten.

Wer mit einem Partner Chi Sao übt, kann nicht gleichzeitig sinnvoll über die unbeantwortete E-Mail aus dem Büro nachdenken. Die Aufmerksamkeit wird in den Körper und in den gegenwärtigen Moment zurückgeholt. Druck, Bewegung und Veränderung sind unmittelbar spürbar.

Das unterscheidet den Unterricht von vielen Situationen unseres Alltags. Dort leben wir häufig gedanklich in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Wir gehen Gespräche noch einmal durch, planen den nächsten Tag oder beschäftigen uns mit Dingen, die möglicherweise nie eintreten werden.

Im Wing Chun gibt es für eine Weile nur das, was jetzt geschieht.

Das ist keine Flucht vor dem Leben. Es ist eine Rückkehr in das eigene Erleben - in die greifbare Realität.

Man muss nicht ständig funktionieren

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Umgang mit Fehlern.

Im Beruf versuchen viele Menschen, kompetent und souverän zu wirken. In sozialen Medien zeigen wir bevorzugt die gelungenen Seiten unseres Lebens. Selbst im privaten Umfeld fällt es uns manchmal schwer zuzugeben, dass wir etwas nicht wissen oder gerade überfordert sind.

Im Wing-Chun-Unterricht lässt sich dieses Bild kaum dauerhaft aufrechterhalten.

Eine Bewegung funktioniert nicht. Die Struktur bricht zusammen. Man verliert das Gleichgewicht, reagiert zu spät oder stellt fest, dass man trotz jahrelanger Erfahrung wieder an einer scheinbar einfachen Grundlage arbeiten muss.

Das kann frustrierend sein. Es kann aber auch entlasten.

Denn der Fehler ist hier kein Urteil über die eigene Person. Er zeigt lediglich, woran man gerade arbeiten kann. Man muss nicht perfekt sein. Man darf lernen, ausprobieren, scheitern und erneut beginnen.

Dadurch entsteht eine Form von Entwicklung, die sich anders anfühlt als die übliche Selbstoptimierung. Ich versuche nicht, meinen Wert als Mensch zu erhöhen. Ich beschäftige mich einfach mit einer Sache, die meine Aufmerksamkeit verlangt.

Das Ergebnis entsteht mit der Zeit.

Vom Denken zurück in den Körper

Existenzielle Erschöpfung spielt sich häufig stark im Denken ab. Das Leben wird bewertet, hinterfragt und mit anderen Möglichkeiten verglichen. Der Kopf läuft weiter, während der Körper oftmals nur noch transportiert, was der Terminkalender verlangt.

Wing Chun stellt den Kontakt zum eigenen Körper wieder her.

Ich spüre Anspannung, bevor ich sie gedanklich erklären kann. Ich merke, dass ich die Schultern hochziehe, den Atem anhalte oder versuche, jede Situation mit Kraft zu kontrollieren. Viele dieser Muster zeigen sich auch außerhalb des Unterrichts.

Wer ständig unter Druck steht, reagiert häufig auch körperlich mit Druck. Wer schwer loslassen kann, hält oftmals ebenso im Partnerkontakt fest. Wer immer alles kontrollieren möchte, tut sich schwer damit, eine Bewegung entstehen zu lassen.

Der Unterricht bietet die Möglichkeit, solche Muster unmittelbar zu erleben. Vollkomen neutral und ohne Urteil.

  • Ich kann stabil sein, ohne mich zu verhärten.

  • Ich kann aufmerksam sein, ohne alles kontrollieren zu müssen.

  • Ich kann nachgeben, ohne mich aufzugeben.

Solche Erfahrungen bleiben nicht zwangsläufig im Unterrichtsraum.

Erschöpfung braucht manchmal Gemeinschaft

Zur Müdigkeit unserer Zeit gehört aus meiner Sicht auch eine zunehmende Vereinzelung, obwohl wir so vernetzt sind, wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Viele Gespräche finden über Bildschirme statt. Reaktionen werden mit Symbolen ausgedrückt, Meinungen in Kommentarspalten ausgetauscht und selbst persönliche Begegnungen immer häufiger von einem Smartphone unterbrochen.

Wing Chun ist dagegen unmittelbar.

Zwei Menschen stehen sich gegenüber. Sie müssen aufeinander achten, Verantwortung übernehmen und miteinander lernen. Der Fortgeschrittene hilft dem Anfänger. Der Anfänger stellt Fragen, die auch den Fortgeschrittenen wieder zum Nachdenken bringen können.

Dabei entsteht Gemeinschaft durch eine gemeinsame Tätigkeit. Niemand muss den ganzen Abend besonders unterhaltsam, erfolgreich oder interessant sein. Es reicht, anwesend zu sein und sich auf den Unterricht einzulassen.

Gerade für Menschen, die den ganzen Tag eine Rolle erfüllen müssen, kann das wohltuend sein.

Wing Chun ist kein Heilmittel für jedes Problem

Ich möchte Wing Chun trotzdem nicht als einfache Lösung für eine tiefgreifende Erschöpfung darstellen.

Kampfkunst ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Sie beseitigt weder belastende Arbeitsbedingungen noch finanzielle Sorgen, schwierige Beziehungen oder gesellschaftliche Probleme. Wer ernsthaft und dauerhaft unter Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit oder depressiven Gedanken leidet, sollte sich professionelle Unterstützung suchen.

Wing Chun kann jedoch einen Raum schaffen, in dem etwas wieder spürbar wird, das im Alltag leicht verloren geht: die eigene Handlungsfähigkeit.

Ich kann meine Haltung verändern. Ich kann lernen, mit Druck umzugehen. Ich kann einen Fehler erkennen und es erneut versuchen.

Das klingt zunächst klein. Für einen Menschen, der sein Leben zunehmend als unveränderlich erlebt, können solche Erfahrungen dennoch Bedeutung haben.

Denn Resignation entsteht häufig dort, wo wir glauben, dass unser Handeln keinen Unterschied mehr macht. Im Wing Chun erfahren wir sehr direkt, dass selbst eine kleine Veränderung eine andere Wirkung erzeugen kann.

Wieder am eigenen Leben teilnehmen

Vielleicht besteht die besondere Kraft des Kung Fu am Ende darin, dass es uns nicht noch eine weitere Rolle anbietet, die wir erfüllen müssen.

Wir müssen im Unterricht keine bessere Version von uns präsentieren. Wir müssen auch nicht nach jeder Einheit stärker, gelassener oder selbstbewusster geworden sein.

Wir dürfen für eine Weile einfach üben.

Wir stehen, bewegen uns, begegnen Widerstand, verlieren die Struktur und bauen sie wieder auf. Wir beschäftigen uns mit etwas, das keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen haben muss. Und gerade dadurch kann es wieder einen Wert bekommen.

Wing Chun verändert nicht automatisch die Welt, in die wir nach dem Unterricht zurückkehren. Aber es kann verändern, wie wir in dieser Welt stehen.

Manchmal kommt ein Schüler erschöpft zum Unterricht. Anderthalb Stunden später ist er körperlich müder als zuvor und wirkt trotzdem wacher. Die Probleme des Tages sind noch da. Etwas anderes ist jedoch ebenfalls zurückgekehrt: Präsenz, Bewegung und das Gefühl, wieder am eigenen Leben teilzunehmen.

Vielleicht ist das kein vollständiges Gegenmittel gegen das „Tired of Being“.

Aber es kann ein Anfang sein.